III. InnovatIon und wIrtschaft

Innovation ist der Schlüsselbegriff im Kontext von Fortschritt und Wirtschaftlichem Wachstum. Nach Jahrzehnten der Rationalisierung, globaler Prozessoptimierung und spekulativen Finanztransaktionen gilt auch im Management die Parole, dass zum organischen Wachstum kein Weg an der Innovation vorbeiführt. Aber auch hier beginnt sich das Verständnis von Innovation zu wandeln: weg von "Innovations-pipeline" hin zu "open Innovation" und "multi-stakeholder-environments". "social Innovations" und "hidden Innovations" sprengen das enge klassische Verständnis von Innovationen als patentierbaren und quantifizierbaren Neuerungen, bilden aber den kulturellen Nährboden, auf dem solche Innovationen überhaupt erst entstehen können.

1. Innovation und Fortschritt

Anders als im Bereich des Sozialen und der Kultur hat die Privatwirtschaft kein Problem damit, den Wert von Innovationen zu bestimmen. Sie verfährt nach der schlichten Formel: Eine Innovation, die nichts einbringt, ist keine. Nicht nur um Ideation (Ideengenerierung) oder Invention (Erfindungen) geht es also, sondern vor allem auch darum, diese in ein marktfähiges Produkt zu übersetzen und zu monetarisieren. Gerade das hat in Deutschland nicht immer gut geklappt, man denke an das MP3-Format, das Faxgerät und den Hybridmotor, die zwar hier erfunden, aber in anderen Ländern produziert werden. "Turning ideas into financial returns" lautet demgemäß eine schlichte Definition für Innovation, wie sie exemplarisch die Boston Consulting Group verwendet. Innovationen sind demnach das, was Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum antreibt. Geschätzte zwei Drittel des Produktivitätswachstums der letzten Jahrzehnte gehen auf das Konto von Innovationen.

Die Suche nach neuen Profitmöglichkeiten bringt erst jene Dynamik in den wirtschaftlichen Wachstumsprozess, die aus dem alten Marktgleichgewicht ein neues auf höherem Niveau macht. Es ist das Verdienst von Joseph Schumpeter, diese Betrachtungsweise des Kapitalismus gegen die im Vergleich betulich wirkenden Gleichgewichtsmodelle der Klassiker stark gemacht zu haben. Die viel zitierte schöpferische zerstörung beschreibt er als "Prozess der Mutation, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert." Die Dynamik dieses schöpferischen Zerstörungsprozesses, der notwendigerweise auch Verlierer kennt, nimmt stetig zu. Betrug die durchschnittliche Verweildauer von Unternehmen im Standard & Poors-Index der 500 größten US- Unternehmen 1935 noch 90 Jahre, waren es 1995 nur noch 15 Jahre. Die klare Botschaft: Wer überleben will, muss innovativ sein.

Allerdings ist auch in der Wirtschaft Innovation nicht gleich Innovation. Neben den "Pseudo-Innovationen", die nur innerhalb des Marketings oder Verpackungsdesigns stattfinden, aber weder für den Konsumenten noch für den Produzenten echten Mehrwert oder Fortschritt bieten, besteht der weitaus größte Teil aus inkrementellen Innovationen, das heißt kleine, schrittweise Verbesserungen an bestehenden Produkten und Technologien. Neben klassischen Produktinnovationen kennt man zudem Innovationen des Geschäftsmodells und Prozessinnovationen, bei denen das gleiche Ergebnis mit anderen, meist effizienteren Mitteln erreicht wird. Diese komplexe Form der Erneuerung bestehender Angebote, die auch die gesamte Servicearchitektur mit einschließt, gewinnt in jüngster Zeit erheblich an Bedeutung, wie sich an der gesteigerten Aufmerksamkeit gegenüber Themen wie Service Design und Design Thinking ablesen lässt.

Das eigentliche Desiderat im Feld der Innovationen bleibt aber die transformatorische Innovation, bei der eine neuartige Technologie mit neuen Nutzenversprechen und erweiterten Anwendungsmöglichkeiten zusammentrifft und völlig neue Marktfelder eröffnet. Mit der Blue ocean strategy haben die Berater W. Chan Kim und Renee Mauborgne eine populäre Metapher dafür geliefert: Während im roten Ozean der existierenden Marktfelder ein blutrünstiger Verdrängungskampf tobt, erwarten den waghalsigen Innovator, der mutig in den blauen Ozean noch nicht existierender Märkte vorstößt, magische Wachstumsraten und biblische Profite qua fehlender Konkurrenz. Apple hat schließlich vorgemacht, wie so etwas geht, indem man zunächst die Musikindustrie, später den Markt für Mobiltelefone komplett umgekrempelt hat.

Für angestammte Unternehmen bergen diese disruptiven Innovationssprünge jedoch nicht nur Chancen, sondern durchaus Risiken, insofern als sie nicht vselbst an der Spitze des Wandels stehen. Der Wechsel von analoger zu digitaler Fotografie hat traditionelle Film- und Kamerahersteller gehörig ins Schlingern gebracht und der Automobilindustrie steht mit der E-Mobilität Ähnliches bevor. Nicht zuletzt dadurch hat das Thema Innovationsmanagement unter den Top-Entscheidern der Wirtschaft sowie in der Wirtschaftspolitik Hochkonjunktur. Erst langsam erkennen Ökonomen in den USA, dass das vergangene Jahrzehnt ein verlorenes Jahrzehnt für Innovationen war, weil zu viel Talent und kreatives Potential in den sogenannten FIRE-Sektor (Finance, Insurance, Real Estate) geflossen sind, und zu wenig Energie auf Innovationen in der Realwirtschaft verwendet wurde.

2. The New Nature of Innovation

Umso akuter stellt sich heute die Frage, wie und wo erfolgreiche Innovationen entstehen – und wie sich dieser Prozess beeinflussen und steuern lässt. Nach klassischem Verständnis beruhen Innovationen auf wissenschaftlicher Grundlagenforschung, deren Ergebnisse sich in neuen Materialien, technologischen Verfahren, medizinischen Präparaten etc. niederschlagen, die durch Patente wirtschaftlich verwertet werden. In den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen und Konzernen entstehen auf dieser Basis in einem zumeist langjährigen und aufwändigen Entwicklungsprozess, auch Innovations-Pipeline genannt, marktfähige Produkte. Gerade in Deutschland hat diese stark von klassischen Ingenieurs-Tugenden geprägte Art, Innovation zu organisieren, viele Anhänger und die große Zahl technologischer Weltmarktführer und Hidden Champions im Business-to-Business- und Exportmarkt zeigt an, dass sie keineswegs obsolet ist.

Allerdings produziert dieses Modell oft akribisch am Markt vorbei, wo es auf gesättigte Märkte, hochvolatile Marktumfelder und launische Endkonsumenten trifft. Schlagendstes Beispiel dafür ist die mittlerweile stillgelegte Mobilfunksparte von Siemens: Die von Ingenieuren als beste Handys der Welt gelobten Geräte wurden letztlich von den Konsumenten verschmäht.

Nicht zuletzt deshalb findet in der Wirtschaft gerade ein Umdenken statt, wobei versucht wird, den Innovationsprozess selbst innovativ zu denken: weg von der abgeschotteten Insellösung, die in den Forschungssilos ausgebrütet wird, hin zu offenen und kollaborativen Multi-Stakeholder-Prozessen, bei denen nicht nur frühzeitig die Kundenperspektive ins Spiel kommt, sondern auch das Wissen anderer Branchen und Wissensdisziplinen an einem Tisch versammelt wird. Der 2008er OECD-Report "The New Nature of Innovation" schlägt einen erweiterten Innovationsbegriff vor, wonach Innovation auch außerhalb von High-Tech-Firmen und F&E-Abteilungen stattfindet und Bereiche wie Service oder die Organisation selbst mit einschließt. Zudem listet der Report etliche Beispiele auf, wie auf offenen Entwicklungsplattformen unter Einbeziehung von Kunden, Zulieferern und Wettbewerbern Open Innovation praktiziert und das berüchtigte "not invented here"-Syndrom überwunden wird.

Open Innovation meint aber nicht nur, dass Partner und Zulieferer über Allianzen und gemeinsame Entwicklungen in einen Prozess der Co-Evolution einsteigen, sondern auch, im Sinne von Crowdsourcing und Wikinomics, das über die Welt und das Internet verstreute Expertenwissen für die Lösung lokaler Probleme anzuzapfen. Open Innovation bringt dabei eine Öffnung des Innovationsprozesses gegenüber den Kunden mit sich, die dadurch zu Co-Designern ihres eigenen Produktes werden. Auf jovoto.com werden klassische Aufgaben von Design- und Kreativagenturen als Wettbewerbe ausgeschrieben, an denen sich Kreative aus aller Welt beteiligen können. Ähnlich gestaltet sich dies bei der Web-Plattform quirky.com, die sich ganz der kollektiven Veredelung und Verfeinerung von Ideen zu marktreifen Produkten verschrieben hat. Alle Teilnehmer werden an den späteren Verkaufserlösen beteiligt. Innovationen werden so nach dem Vorbild Open Source zu Gemeinschaftsleistungen, da eine solche Form kooperativer Arbeitsteilung von der Wechselwirkung und von komplexen Abstimmungsmechanismen lebt.

3. Hidden Innovations

Allerdings gehen wir bis hierhin immer noch von Innovationen aus, die sich in konkreten Patenten, Produkten oder Prozessen niederschlagen und monetarisieren lassen. Soziale Innovationen dagegen stehen, wie gezeigt, in keinem kausalen Verhältnis zu den verausgabten Mitteln für Forschung und Entwicklung und schlagen sich nicht in der Zahl der Patentanmeldungen nieder. Neue Praktiken, Handlungsmodelle und Formate lassen sich in den seltensten Fällen patentieren. Auch haben sie meist nicht einen oder nur wenige identifizierbare Urheber, sondern entstehen im sozialen Raum, werden adaptiert, angepasst und weiterentwickelt. Sie bilden gewissermaßen die "dunkle Materie" des Fortschritts: Schwer beobachtbar und dingfest zu machen – aber von zentraler Bedeutung für den inneren Zusammenhalt des Kosmos.

Als erstes hat dies wieder einmal Großbritannien erkannt und mit Hilfe der Institution NESTA (National Endowment for Science, Technology and the Arts) den Suchauftrag

Nahraum – crowdgesourctes Fotogedächtnis Westfalen

Nahraum.de ist ein Webportal, in dem Leser und User das lokale Gedächtnis einer Region konstruieren. Sechs Monate nach dem Start 2009 konnte das Portal bereits 1.700 Nutzerkonten und rund 50.000 hochgeladene Bilder verzeichnen, Tendenz steigend. Als "regionales flickr" bietet Nahraum die Option, eigene Fotos im Internet zu veröffentlichen und neue Bilder-Welten im Web-Archiv zu entdecken. Dadurch werden Eindrücke mit vielen anderen Usern geteilt, kommentiert und bewertet sowie in aufbauenden Artikeln kontextualisiert. Nahraum.de geht es dabei nicht vorrangig um übergeordnete geschichtswissenschaftliche Betrachtungen, sondern vielmehr um den Alltag der User und Leser, gestern wie heute. Die Technik für Nahraum.de wird von der Bertelsmanntochter wissenmedia bereitgestellt. Die Kosten für ein derartiges Webportal sind gering und so wächst das crowdgesourcte Fotogedächtnis schnell und unkompliziert.

nahraum.de

In den Raum gestellt, doch nachdrücklicher als bis dato die versteckten Innovationen ausfindig zu machen. Laut Definition sind diese Hidden Innovations von Patentanmeldungen ausgeschlossen und vollziehen sich auf nicht-wissenschaftlichen und nicht- technischen Feldern. Sie stellen neue Kombinationen von existierenden Technologien und Prozessen dar und vollziehen sich unterhalb des Radars zahlreicher Erfassungs-, Monitoring- und Evaluierungssysteme. Sie speisen sich aus einem Hinterland von Ideen. Als solche werden sie oft gar nicht bewusst wahrgenommen, haben aber großen Einfluss auf die Innovationsfähigkeit und damit Prosperität eines Standortes, weil sie den Humus für andere Innovationen bilden. Keiner kann zum Beispiel sagen, wie genau das Phänomen Coworking entstanden ist. Trotzdem breitet es sich als zeitgemäße Arbeits- und Lebensform gerade in den Metropolen aus und setzt enormes kreatives Potential frei.

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Hidden Innovations häufig in vermeintlich wenig innovativen Feldern wie dem Bildungssystem oder dem Pflegesektor. Weil pauschal angenommen wurde, dass in diesen eher technologiefernen Bereichen wenig bis gar keine Innovationen stattfinden, wurde bislang nicht systematisch danach gesucht. Dabei zeichnen sich gerade diese Felder dadurch aus, dass sie auf die großen gesellschaftlichen Fragen und Probleme reagieren und neuartige Antworten finden müssen. Besonders die Ränder dieser Felder, dort wo sie sich mit anderen Branchen überschneiden, scheinen prädestiniert für Basisinnovationen, die innerhalb einer Branche oder eines Sektors allein nicht zu realisieren sind.


Raumkonzepte Krankenhaus – Dortmund


Design trifft auf Gesundheitswesen. Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen haben den Ruf, dass man nach dem Aufenthalt kränker ist als vorher. Das will Maren Christina Geissler ändern. Sie untersucht den gebauten Raum sowie den Kommunikationsraum Krankenhaus und designt neue Raumkonzepte. Dabei analysiert Geissler die Beziehungen zwischen Patient, Arzt und Pflegepersonal als Ausdruck von Erlebnissen, Eindrücken und Raumwahrnehmungen. Die Unternehmensidee von Geissler will Kliniken in gesunde und effiziente Häuser der Heilung verwandeln. Die positive Wahrnehmung des Raumes Krankenhaus ist aus ihrer Sicht ein Baustein, der schnellere Gesundheit und mehr Effizienz erwarten lässt. Konkrete Ansätze sind Lichtanlagen, die Patienten sanft wecken, sobald jemand ihr Zimmer betritt oder Kommunikationskonzepte, die die Schwelle zwischen Arzt und Patient niedriger werden lassen. Ermöglicht werden kann dies durch eine Verbindung von optimierter Organisation, Gestaltung, Raumerlebnis der Rezipienten und Gesundheitsförderung. raumwert-geissler.de

nahraum.de