Vorwort

Allmählich ist die Botschaft angekommen: Die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt einen erheblichen und wachsenden Teil zur Wirtschaftsleistung und Beschäftigung bei. Deutschlandweit liegt der Anteil der Kultur- und Kreativwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt mit 2,6 Prozent nur knapp hinter der Automobilindustrie. In Nordrhein-Westfalen erwirtschaftet das Cluster mit über 200.000 Erwerbstätigen in rund 50.000 Unternehmen einen Jahresumsatz von mehr als 35 Milliarden Euro. Weil der Anteil der wissensbasierten, immateriellen und symbolischen Produktion an der Gesamtwirtschaft weiter wachsen wird, weist die Branche zudem ein hohes Wachstumspotential auf.

Angesichts drängender gesellschaftlicher Probleme und globaler Herausforderungen wäre es jedoch verkehrt, sich auf dieser Erfolgsstory auszuruhen. Vielmehr wird es Zeit, das Blickfeld erneut zu öffnen und die Kultur- und Kreativwirtschaft daraufhin zu beleuchten, was sie über ihren Beitrag zum BIP hinaus zur Lösung dieser Probleme und zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit beisteuert. Es geht um die Umstellung von einer eher statischen Erfassung hin zu einer dynamischen, die Innovationsprozesse und Innovationsfähigkeit ins Zentrum der Betrachtung rückt.

Woher kommen Innovationen, wie sehen die Bedingungen dafür aus und welche braucht es überhaupt? Wie verändert sich das Wesen von Innovation selbst? Und was tragen Künstler und Kreative dazu bei? Blickt man auf das zurückliegende Jahrzehnt, wird man feststellen, dass es im Bereich der Finanzprodukte eher ein Zuviel an Innovationen gab, während auf den Feldern der Realwirtschaft, des Sozialen und der Politik durchaus weiterer Bedarf besteht. Gerade im Ingenieursland Deutschland hält sich dabei hartnäckig ein verkürzter Innovationsbegriff: Unter Innovationen versteht man High-Tech-Produkte und Breakthrough-Technologien, die auf wissenschaftlicher Grundlagen- und Spitzenforschung basieren, messbar sind und sich in Patenten, Copyrights und Marktanteilen niederschlagen.

Dabei wird verkannt, dass es auch andere Quellen gesellschaftlichen Fortschritts und wirtschaftlicher Prosperität gibt, an denen Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft einen erheblichen Anteil haben. Low-Tech-, Social und Hidden Innovations sind die Suchbegriffe, mit denen sich diese alternativen Quellen und Hotspots des Neuen aufspüren lassen. Bislang liegen sie noch weitgehend unterhalb des Radars von Wissenschaft und Politik, weil niemand systematisch danach geforscht hat, weil sie keinen eindeutigen Ur- heber haben und weil sie sich nicht an der Zahl der Patentanmeldungen ablesen lassen.

Dabei sind es gerade diese Innovationen im Verborgenen, die die Basis schaffen und den Nährboden bilden, auf dem weitere marktfähige Innovationen reifen. Über nonlineare Wirkungsnetze katalysieren sie kreative Wertschöpfungsprozesse, entschärfen soziale Problemstellungen und erhöhen die Lebensqualität am Standort.

Oft bestehen sie nur aus der Rekombination von vorhandenem Material, einer simplen Idee, neuen Praktiken und Formaten, die dann nach dem Vorbild Open Source von anderen aufgegriffen, adaptiert und weiterentwickelt werden. Man findet sie außerhalb der Kultur häufig in Bereichen, die gemeinhin als wenig innovativ gelten: dem Bildungssektor, dem Gesundheitswesen oder der Verwaltung. Ein innovativer Studiengang, neue Arbeitsorte für flexible Wissensarbeiter, interdisziplinäre Messe- und Konferenzformate sind Beispiele für Innovationen hoher ökonomischer Relevanz, die sich gleichwohl nicht unmittelbar anhand von Zahlen belegen lässt.

In der Wirtschaft selbst hat man bereits erkannt, dass die klassische Art, Innovationen in Forschungs- und Entwicklungs-Silos anzusiedeln und über Innovationstrichter und -pipelines zu organisieren, heute nicht mehr funktioniert. Die Schlagworte Design Thinking und Open Innovation stehen für ein Umdenken, Innovation künftig stärker in offenen Ökosystemen und als transdisziplinäre Multi-Stakeholder-Prozesse zu gestalten.

Kulturschaffende und Kreative erfüllen darin eine wichtige Funktion als Schnittstellen- akteure. Sie sind von Natur aus neugierig und dadurch per Definition innovativ. In Zukunft gilt es, innovative Kreisläufe, Wechselwirkungen und Verflechtungen besser zu verstehen, um dadurch die kreativen PS im Verbund mit anderen Branchen und Akteuren noch besser auf die Straße zu bringen.

Mit dieser Publikation wollen wir den Diskurs in die Kultur- und Kreativwirtschaft zurücktragen. Im ersten Teil schlagen wir – mit einem Grundlagentext der Autoren Holm Friebe und Bastian Lange – ein neues Paradigma für die Kultur- und Kreativwirtschaft vor, um deren Bedeutung im dynamischen Kontext des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts besser erfassen zu können. In Kapitel I wird dafür zunächst der Stand der Debatte rekapituliert, in Kapitel II werden die globalen Herausforderungen, Trends und Treiber aufgezeigt, die Einfluss auf die zukünftige Entwicklung haben. Kapitel III nähert sich einem neuen Verständnis von Innovationen, das sich gerade in der Wirtschaft durchsetzt. In Kapitel IV schließlich werden all diese Stränge zum Konzept der Innovationsökologien zusammengezogen.

Auf dieser Basis haben wir – zusammen mit zehn namhaften Experten, Praktikern und Theoretikern – vier Szenarios zur Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW 2020 entwickelt, die der zweite Teil dokumentiert. Damit wollen wir aufzeigen, wie viel Potential und Dynamik im kreativen Feld in Nordrhein-Westfalen steckt und in welche Richtungen es sich in den kommenden zehn Jahren entwickeln kann. Zum Abschluss verdichten wir die Erkenntnisse aus beiden Teilen zu zehn Thesen, die sich als Auftakt zu weiterführenden Diskussionen verstehen.

Wir wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre.

Christian Boros & Werner Lippert
Clustermanager CREATIVE.NRW
Wuppertal im Dezember 2010